2006 gedachte die Musikwelt des 150. Todesjahres von Robert Schumann – ein Jubiläum, das ganz im Schatten des 250. Geburtsjahres von Mozart stand und somit nicht recht zur Geltung kam – auch die Holdenstedter Schlosswochen widmeten sich „Mozart, wie ihn keiner kennt“, und dies mit großem Erfolg und weitreichender Resonanz. In diesem Jahr soll nun Robert Schumann mit bekannten und unbekannten Werken, darunter einigen Uraufführungen, im Mittelpunkt stehen. Er war nicht nur der vielseitigste und innovativste romantische Komponist seiner Zeit, sondern auch ein bedeutender, wenn nicht der bedeutendste Musikschriftsteller deutscher Sprache – als Sohn eines Buchhändlers, Verlegers, Schriftstellers und Übersetzers ohnehin von der Literatur geprägt wie kein anderer Komponist, schwankte er lange, ob er nicht Schriftsteller werden sollte. Proben dieser Seite seiner Persönlichkeit sind im Konzert am Freitag, dem 10. September, zu erleben. Daneben werden seiner Altersgenossen Frédéric Chopin (1810-1849), Otto Nicolai (1810-1849), Ludwig Schuncke (1810-1834) und Norbert Burgmüller (1810-1836), mit denen er z.T. bekannt oder befreundet war und deren Werke er entscheidend propagiert hat, miteinbezogen, um so möglichst viele Facetten dieser spannenden Epoche der Musik, der Kultur und der Geschichte zu zeigen, die mit den Begriffen „Romantik“, „Biedermeier“ oder „Vormärz“ nur unzureichend charakterisiert werden kann und die in einer Revolution (1848/49) kulminierte, an der der politisch hellwache Schumann lebhaftesten Anteil nahm.
Schumann gehört trotz angeblicher Krise der Klassik-Branche weltweit immer noch und in letzter Zeit sogar noch mehr zu den am meisten aufgeführten Komponisten, auch und gerade auf Tonträgern. Leider werden aber immer wieder die selben Werke und auch die nicht immer gut (ein)gespielt, während einige Teile seines vielseitigen Schaffens, z.B. die Chorwerke mit Orchester oder die erst in den letzten Jahrzehnten neu entdeckten Stücke sowie das leider immer noch umstrittene geniale Spätwerk, zu wenig beachtet. Zudem ist das Bild des Komponisten in den Medien nach einer eher unglücklichen Rezeptionsgeschichte seit der ersten Biographie von Wasielewski, einem biederen Geiger mit beschränktem musikalischen Horizont, der zu viele Klischees in die Welt setzte, immer noch getrübt. Dies geschieht durch unseriöse, dilettantische und ignorante Publikationen, die ohne Hemmungen alte Fehler, Fehlurteile und Klischees übernehmen oder neu produzieren, ohne die wichtigen Erkenntnisse der neueren Schumann-Forschung zur Kenntnis zu nehmen, z.B. die Bände der neuen Schumann-Gesamtausgabe bei Schott, das neue Werkverzeichnis (Schott), das Schumann-Handbuch (Metzler/Bärenreiter), neuere textkritische Ausgaben bzw. Erstausgaben (Breitkopf & Härtel, Henle, Schott, Wiener Urtext Edition, Hofmeister u.a.) oder die Publikationen zu Leben und Werk Schumanns von Gerd Nauhaus (Edition der Tage- und Haushaltbücher), Bernhard R. Appel (zu Schumanns Aufenthalt in Endenich), Arnfried Edler, Michael Struck und Martin Geck, um nur einige zu nennen. Stattdessen werden, um sich wichtig zu machen und Geld zu verdienen, aberwitzige, längst widerlegte Hypothesen hervorkramt, wilde Gerüchte gestreut und völlig überflüssige “Psychobiographien“ erstellt, die von sachlichen Fehlern strotzen – der unerfreuliche, maßlos überschätzte Roman “Schumanns Schatten“ von Peter Härtling ist hier nur das prominenteste Beispiel. Jüngst wurde behauptet, Schumann sei gar nicht geisteskrank gewesen (er starb mit großer Sicherheit an den Spätfolgen einer Syphilis, die er sich als Student in Leipzig zugezogen hatte), sondern von seiner Frau Clara und ihrem „Liebhaber“ Johannes Brahms weggesperrt (“Gefangen im Irrenhaus“) – eine der unbestreitbaren Tatsachen vollkommen ignorierende falsche Behauptung, die natürlich mit voyeuristischer Gier eifrig aufgesogen wird. Ein Tiefpunkt ähnlicher Art war der dürftige Drei-Minuten-Beitrag zu Schumanns Geburtstag im Juni in der ZDF-Sendung “aspekte“. Man kann es schon als eine Leistung der besonderen Art bezeichnen, dem Zuschauer in so kurzer Zeit nur Falsches, Banales und Gehässiges zu präsentieren, während doch der Anlass zu dieser Sendung Grund genug gewesen wäre, das Publikum über die bis heute anhaltende Bedeutung des Komponisten aufzuklären. Dazu wurde noch ein sichtlich inkompetenter “Schumann-Biograph“ befragt, während als Hintergrundmusik, kaum richtig wahrnehmbar, ein paar Takte der “Träumerei“, des Klavierkonzertes und der “Rheinischen“ Symphonie liefen.
Die Holdenstedter Schlosswochen blenden alle diese Misshelligkeiten aus und widmen sich in bewährter Tradition ganz dem faszinierenden Schaffen des Komponisten, das doch so viel interessanter ist als seine Krankheiten und psychischen Probleme und gerade deswegen auch auf Komponisten unserer Zeit eine so starke Wirkung ausübt. Ich nenne hier nur Wolfgang Rihm, Wilhelm Killmayer, Heinz Holliger und Aribert Reimann, dessen kongeniale Bearbeitung der Lieder op. 107 für Sopran und Streichquartett am 12. September zu hören sein wird.
Zur Eröffnung am 27. August spricht Dr. Gerd Nauhaus, langjähriger Direktor des Robert-Schumann-Hauses Zwickau und Träger des Robert-Schumann-Preises von Schumanns Geburtsort, über den “Europäer Robert Schumann“. Er war der erste bedeutende Komponist, der sich dezidiert sowohl für die Literatur als auch die Musik nicht nur seiner Heimat, sondern vieler europäischer Völker interessierte und sich für sie einsetzte. Zu Schumanns Freunden und Bekannten zählten der Pole Frédéric Chopin, der Engländer William Sterndale Bennett, der Däne Niels Wilhelm Gade, der Franzose Hector Berlioz und der Holländer J.J.H. Verhulst. Auch im Verlauf des Festivals kommt dies zur Geltung, z.B. in Ausschnitten aus dem Oratorium “Das Paradies und die Peri“ (nach dem irischen Dichter Thomas Moore) sowie in Liedern nach Texten von Shakespeare, Byron, Robert Burns, Thomas Moore u.a. (27. August, 28. August, 29. August, 04. September).
Außer der Oper und der Symphonik können wir hier bekannte und beinahe unbekannte, z.T. zu Unrecht vergessene Beispiele aus der Klavier- und Kammermusik sowie dem Liedschaffen präsentieren sowie, wie auch schon letztes Jahr, Ausschnitte aus zwei monumentalen, epochemachenden Chorwerken, dem Oratorium “Das Paradies und die Peri“ und den “Faust-Szenen“, in einer Kammerversion mit Klavier, was durchaus einer Praxis des 19. Jahrhunderts entspricht.
Auch bei Schumann sind noch Entdeckungen zu machen, d.h. Werke, die als Fragmente hinterlassen sind, aber mit Phantasie und stilistischem Einfühlungsvermögen ergänzt werden können – was Schumann übrigens selbst immer wieder getan hat. Er hob fast alle Skizzen und Fragmente sorgfältig auf und verwendete sie oft nach Jahren, in dem er sie ergänzte, umarbeitete und in andere Werke integrierte.
Als Welturaufführungen in Rekonstruktionen und Ergänzungen von Joachim Draheim sind zu hören:
Samstag, 28. August:
Marsch d-moll op. 99, Nr. 11 in der vermuteten ursprünglichen Fassung für Klaviertrio.
Samstag, 04. September:
Zwei Balladenfragmente aus dem “Liederjahr“ 1840: “Die Wallfahrt nach Kevelaer“ und
“Der Reiter und der Bodensee“.
Sonntag, 05. September:
Drei Klavierstücke: Burla g-moll, Kanon A-dur, Präludium und Fuge b-moll, gespielt vom belgischen Pianisten Jozef De Beenhouwer, Träger des Schumann-Preises der Stadt Zwickau.
Freitag, 10. September:
Variationen über ein Thema des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen für Klavier zu vier Händen (1828)
Die Konzeption der Schlosswochen liegt in den Händen von Dr. Joachim Draheim (Karlsruhe), der seit 1981 viele Werke Schumanns entdeckt bzw. wieder entdeckt und herausgegeben hat (u.a. das Opernfragment „Der Korsar“, die Klavierbegleitung zu Bachs Suite Nr. 3 C-Dur für Violoncello solo, die Violinfassung des Cellokonzerts a-moll op. 129, die „Variationen über ein Nocturne von Chopin“ für Klavier, zu hören am 05. September, und das frühe Klavierquartett c-moll), die vier Symphonien, das Cellokonzert ( in der Originalfassung) sowie zahlreiche Kammermusik- und Klavierwerke in textkritischen Neuausgaben vorlegte und dafür 2003 den Schumann-Preis der Stadt Zwickau erhielt.
Diesen Ausführungen kann man entnehmen, dass das Werk Schumanns in allen Facetten – eben unter den gegebenen Möglichkeiten – zu erfahren ist. Allein die Raumgröße lässt nicht zu, dass ein großes Orchester oder ein großer Chor auftreten. Das aber, nämlich der Charakter der Komposition, die Entwicklung des Komponisten, der enorme Umfang des Oeuvres, lassen sich auch mit einer Klavierfassung oder einem kleineren Chor erfahren.
Um nun die Konzerte mit einigem Hintergrundwissen noch intensiver verstehen und genießen zu können, werden in diesem Jahr jeweils eine dreiviertel Stunde vor Konzertbeginn im Schlosscafé sachkundige Einführungen angeboten, dafür wird es kaum noch Moderationen während der Aufführungen geben.
Wie immer treten bei den Holdenstedter Schlosswochen Künstler auf, die Erfahrungen auf internationalen Bühnen gesammelt haben, ebenso wie im Rundfunk und im Fernsehen, und die z.T. zahlreiche CDs eingespielt haben.
So war z. B. die Violinistin Natasha Korsakova Künstlerin des Jahres 2008 in Italien; die Cellistin Françoise Groben spielt mit den großen Orchestern Europas; der Pianist Hinrich Alpers ist frisch gebackener 1. Preisträger des Beethovenwettbewerbs 2009; die Sopranistin Miriam Alexandra ist
1. Preisträgerin des letztjährigen Göttinger Händelwettbewerbs. Auch konnte für den literarisch-musikalischen Abend am 10. September der bekannte Schauspieler Peter Sodann gewonnen werden.
Und noch eine Neuigkeit ist zu vermelden: Die Holdenstedter Schlosswochen wurden vom Land Niedersachsen in den bunten Musikstrauß der „PartiTouren“ aufgenommen, ausgezeichnet als ganz besonderes Angebot innerhalb Niedersachsens. Blinde oder stark Sehbehinderte – aber natürlich auch alle anderen Interessierten - können in diesem Zusammenhang Konzertkarten, „Fühl-Führungen“ durch den Hunderwasser-Bahnhof, ein Schumann-Menü nach Rezepten von Clara Schumann u.v.m. buchen. Bitte erfragen Sie Näheres in der Touristinformation (0581/ 800 6172).
Hier sind auch die Eintrittskarten oder auch Abonnements für die Holdenstedter Schlosswochen zu bekommen, ebenso über den Online-Verkauf www.kulturkreis-uelzen.de oder an der Abendkasse (wenn noch Karten vorhanden).
Dank sei allen jenen gesagt, die die Holdenstedter Schlosswochen finanziell unterstützen, so der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, dem Lüneburgischen Landschaftsverband und unserer verstorbenen, großzügigen Sponsorin Emmy Reintges.
Nun bleibt noch, unseren Besucherinnen und Besuchern erlebnisreiche Abende im Schloss Holdenstedt zu wünschen!
VVK: Stadt- und Touristinformation Uelzen,
Telefon: 05 81 / 800 - 61 72 oder
www.kulturkreis-uelzen.de
siehe auch www.uelzen.de