Zwei Jahrzehnte fremdsprachiges Theater in Uelzen

Es begann vor 20 Jahren mit einem Anruf aus München. Ein Amerikaner mit Namen Grantly Marshall stellte sich als Leiter einer "American Drama Group Munich" vor, also eines kleinen in Deutschland betriebenen englischen Tourneetheaters. Geradezu enthusiastisch bot er ein bekanntes Stück an: "Arsenic ans Old Lace" von Joseph Kesselring, die Theatervorlage des berühmten Films mit Cary Grant.

Im Vorstand war man skeptisch. "Die Zuschauer kennen doch alle den Film. Wer wird sich denn dann noch die Theaterversion ansehen?" hieß es. Die anfänglichen Bedenken erwiesen sich als unbegründet und wurden überwunden mit einer neuen Konzeption: Fremdsprachige Aufführungen gehen nur dann störungsfrei über die Bühne, wenn das vor allem jüngere Publikum durch die Lehrer vorbereitet wird. Dann folgt auch ein Siebtklässler aufmerksam, während ein unvorbereiteter Oberstufenschüler stören wird. Der Kulturkreis muss den Schulen rechtzeitig Materialien zur Verfügung stellen, am besten noch vor Beginn des neuen Schuljahres, damit die Lehrer den Theaterbesuch langfristig in ihre Planung aufnehmen konnten. Gleich bei der ersten Aufführung ging die Rechnung auf: "Arsenic and Old Lace" hatte ein volles Haus und erntete viel Beifall. Zwar war das Bühnenbild ärmlich, wurde es doch auf dem Dach eines kleinen VW-Busses transportiert. Aber die Akteure spielten sich schnell in die Herzen des aufmerksamen Publikums.

Von da an gab es im Vorstand keine Bedenken mehr, und es begann die auch nach 20 Jahren immer noch erfolgreiche Sparte "Englisches Theater". 2003 erfolgte eine Umbenennung in "Fremdsprachiges Theater", denn inzwischen werden auch französischsprachige Aufführungen angeboten. "Au Revoir les Enfants" - nach dem Film von Louis Malle" - hieß das erste französische Stück. Sollten immer mehr Schulen Spanisch als zweite Fremdsprache anbieten, so kann man sich vorstellen, dass irgendwann auch spanisches Theater in Uelzen zu sehen sein wird.

Herzstück sind nach wie vor die Aufführungen in englischer Sprache. Skeptiker fragen manchmal: "Sind das denn auch englische Schauspieler?" Die Bedenken sind unbegründet. Es sind Schauspieler, deren Muttersprache Englisch ist und die ihr Handwerk von der Pike auf erlernt haben. Auffällig ist die exakte und sehr deutliche Bühnensprache. Es bleibt den Akteuren ja auch nichts anderes übrig, wenn sie ihr Publikum nicht vergraulen wollen. Nuscheln oder sich vom Publikum abwenden, das geht nicht.

Fast 40 Aufführungen sind es inzwischen geworden. Neben modernen amerikanischen Klassikern wie "Of Mice and Men" von Steinbeck, "Death of a Salesman" und "The Crucible" von Arthur Miller, "Our Town" von Thornton Wilder oder "A Streetcar Named Desire" von Tennessee Williams spielen Dramatisierungen von englischen Romanen eine Rolle wie z.B. "David Copperfield" oder "Oliver Twist" von Dickens oder "Animal Farm" von George Orwell. Der Theaterbesuch soll Belohnung für fleißige Arbeit mit den Texten oder Motivation für eine neue Lektüre sein. Sogar "Gulliver`s Travels" waren zu sehen. Aber wie kann man Schauspieler in der einen Szene als Riesen und in der nächsten als Zwerge agieren lassen? Ganz einfach: Als Zwerge kriechen sie auf den Knien und als Riesen laufen sie auf Stelzen. Ein Riesenerfolg war auch die Bühnenfassung von "Dr. Jekyll and Mr. Hyde", wo fast ohne Kulissen, aber mit ausdrucksvollen Masken gespielt wurde.

Zweifel bestanden, ob man Dramen von Shakespeare im altertümlichen Englisch des 16. Jahrhunderts deutschen Besuchern bieten kann. Auch das geht - mit Hilfe rechtzeitig zugeschickter Materialien wie z.B. Inhaltsangaben. Gleich die erste derartige Shakespeare-Aufführung "A Midsummernight`s Dream" fand vor einem begeisterten Publikum und einem vollen Haus statt. Hamlet und "Romeo and Juliet" kamen nicht schlechter an. Wie soll man auch den Schülern Shakespeare nahe bringen, wenn nicht auf der Bühne.

Eine Aufführung bricht sämtliche Rekorde. Die berühmte Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens - "A Christmas Carol" - wird in der Saison 2008/2009 das dreizehnte Mal geboten, davon das elfte Mal mit demselben Schauspieler in der Rolle des Geizhalses Ebenezer Scrooge. Es heißt inzwischen: Die Weihnachtszeit ohne "A Christmas Carol" ist wie Silvester ohne "Dinner für One". Es kommen schon junge Englisch-Kolleginnen mit ihren eigenen Schülern ins Theater, die in ihrer eigenen Schulzeit das Stück gesehen haben.

Uelzen ist inzwischen bei den Schulen in der Region als Schauplatz für fremdsprachiges Theater bekannt. So kommen Lehrer und Schüler von Winsen bis Wolfsburg und von Salzwedel bis Soltau. Ältere Besucher bedauern, dass die Aufführungen fast ausschließlich am Vormittag stattfinden. Der Kulturkreis hat in der Saison 2004/2005 zusätzliche Abendveranstaltungen angeboten. Leider war die Resonanz zu gering. Schüler und Lehrer kommen natürlich lieber am Vormittag. Aber die wenigen älteren Besucher, die am Vormittag das Theater aufsuchen, sind immer wieder erstaunt, wie diszipliniert das jugendliche Publikum sich verhält. Der Kulturkreis plant, noch lange fremdsprachiges Theater anzubieten.